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Die Zukunft der medizinischen Versorgung nach der Praxisübergabe

Nach Praxiskauf Trend zu ärztlichen Kooperationsformen wie Berufsausübungsgemeinschaft und MVZ

Prof. Santiago Ewig
18.09.2015

Die deutlichen Schwächen des ambulanten Versorgungssystems, die auch durch die vielen Ärzte mit einem weit überdurchschnittlichen Engagements nach der Praxisübernahme nicht kompensiert werden können, geben Anlass, das bestehende System infrage zu stellen. Hier sind zuallererst die Ärzte selbst gefragt. 


Wollen sie sich nicht länger als Objekte gesundheitspolitischer Willkür empfinden, ist es an ihnen, ein anderes tragfähiges Konzept der Praxisübergaben mit den richtigen Prioritäten vorzulegen. An erster Stelle müssen Gedanken dazu stehen, wie eine ambulante medizinische Versorgung zu einer guten Medizin beitragen kann. Erst an zweiter Stelle wird dann überlegt, wie diese wirtschaftlich aufgestellt sein muss, um diese Aufgaben zu erfüllen.

Regelversorgung und Privatpatienten
Offenbar führt kein Weg daran vorbei, das System der Vergütung und Honorierung von Einzelleistungen in der Praxis zu verlassen. Sowohl in der Regelversorgung als auch bei den Privatpatienten führen die ökonomisch begründeten Vorgaben zu einer schleichenden Manipulation des ärztlichen Denkens. Durch das budgetierte System der Regelversorgung nach der Praxisübernahme schwindet die ärztliche und wirtschaftliche Motivation. Der Gedanke, die Praxis im letzten Quartal zu schließen, weil das Budget ausgeschöpft ist, mag von wirtschaftlicher Konsequenz zeugen, in Wahrheit ist er Ausdruck einer Trotzreaktion angesichts einer absurden Vergütungsregelung.

Freier Arztberuf
Die Freiberuflichkeit des niedergelassenen Arztes ist längst eine Illusion, auch im Rahmen der Privatpraxis. Das im Gesundheitswesen zur Verfügung stehende Geld wird bis auf Weiteres budgetiert sein müssen. In dieser Situation scheint ein System der Pauschalvergütung für die Versorgung einer ausgehandelten Anzahl von Patienten vernünftiger. In einem solchen System müssen sicherlich Maßnahmen der Qualitätssicherung etabliert werden. Diese wären aber auch im jetzigen System nach dem Praxiskauf überfällig.

Andererseits sollte ein ausreichender Spielraum für eine individuelle Behandlung sichergestellt sein sowie genügend Anreize geschaff enwerden, durch besondere Initiativen den Arzt dazu zu bewegen eine Arztpraxis zu kaufen. Es liegt immer noch an der Gesellschaft zu entscheiden, wie viel ihr gute Ärzte tatsächlich wert sind. Damit könnte man die Grundlagen dafür schaffen, dass Ärzte wieder wesentlich ausgeglichener und unabhängiger ihrer Aufgabe der ambulanten Krankenversorgung nach der Übernahme einer Arztpraxis nachgingen.

Die zukünftige Positionierung der ärztlichen Spezialisten
Eine Besonderheit des deutschen Gesundheitssystems liegt in der Existenz ambulant tätiger Spezialisten, der Fachärzte. Diese fungieren bisher als Brücke  zwischen Allgemeinmedizinern und Fachdisziplinen in in der Arztpraxis. Das richtige Ausloten des Verhältnisses von Generalisten und Spezialisten sowie die Regelung der Konflikte hinsichtlich ihrer zukünftigen Positionierung sind schwierig. Es entstehen jedoch zunehmend Ärztezentren in Kliniknähe, deren Spezialisten nach dem Praxis kaufen im Kontakt mit den Experten im Krankenhaus  zusammenarbeiten, manche sind als Medizinisches Versorgungszentrum MVZ  aufgestellt. 

Steigende Praxisabgaben aufgrund zunemhender Bürokratie
Auf längere Sicht zeichnet sich aus meiner Sicht das Ende der unabhängig ambulant tätigen Spezialisten in der Arztpraxis ab. Nicht nur, weil sie angeblich oder tatsächlich zu teuer sind, sondern weil die Komplexität der Fachspezialitäten zunehmend gegen eine Einzelpraxis spricht. Diese gesundheitspolitischen Entwicklungen sprechen für nei Praxisgründung einer Berufsausübungsgemeinschaft oder vergleichbarere ärztlicher Kooperationsformen. Sie stärken die Funktion der Allgemeinmedizin im ambulanten Bereich und konzentrieren die Spezialisten in einem Medizinischen Versorgungszentrum.

Es besteht jedoch die Gefahr, dass viele Allgemeinmediziner keine ausreichend große klinische Erfahrung für ihre Praxis mehr sammeln können, um ihre anspruchsvollen und komplexen Aufgaben nach der Praxisübergabe zu erfüllen. Andererseits könnte es zu einer so weitgehenden medizinischen Spezialisierung kommen, dass niemand mehr die erforderliche allgemeinmedizinische bzw. allgemeininternistische Kompetenz erwerben und nach der Praxisabgabe weitertragen kann.

Zunehmender Trend zur Berufsausübungsgemeinschaften
Die Lösung kann nur in Angeboten zu einer lebenslangen Weiterbildung liegen, die nicht nur auf der Verantwortung und den Schultern der Ärzte selbst lasten, sondern bewusst als fachärztliche Leistungen auch Honorierung erfahren. Die strukturelle Vorgabe von allgemeinmedizinischen Praxisverbänden bzw. krankenhausnahen Ärztezentren würde die Verwirklichung dieser Forderung sicher erleichtern.

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